Die Segel flicken, um auf hohe See aufzubrechen

Über Schwarmwissen, kollektives Planen und Gruppendynamiken im Renovierungsprozess

Vor über 20 Jahren zog der Verein LAMES, aus dem heraus der Verein Sonnenpark entstand, in die Gebäude am Spratzerner Kirchenweg 81-83.[1] Eine lange Zeit für Häuser, die damals schon über hundert Jahre alt waren. Regelmäßig kitteten und reparierten die Mitglieder selbstständig und ohne nennenswerte finanzielle Mittel schadhafte Gebäudeteile und kreierten durch die Nutzung des Hauses einen ganz besonderen Ort, der für viele ein Herzstück der Stadt bedeutet. Nun steht das Haus kurz vor der Renovierung, an dessen Planung sich die Mitglieder rege beteiligen. Welche Dynamiken entstehen in diesem Prozess und wie stellt man sich kollektiv den dabei auftretenden Herausforderungen?

Schwarmwissen und emotionaler Denkmalschutz

Nachdem die Studierenden vom Institut für Architektur der TU Wien  bereits im November erste Entwürfe präsentierten, formten Mitglieder raumspezifische Arbeitsgruppen, in denen sich die persönlichen Ausrichtungen, von Musik zu bildender Kunst, über Baumpflege zu Kleidertausch, widerspiegeln. „Wir haben begonnen, die Ideen der Studierenden auf ihre Praxistauglichkeit und den uns bekannten Abläufen zu evaluieren“ erzählt eines der Mitglieder. Plötzlich entsteht die Möglichkeit, die Makel des Hauses zu begradigen. Dabei bemerkt man allerdings auch den Charme, der diesen innewohnt und wie provisorische Lösungen und ungeplante Raumnutzungen über die Zeit Orte des Zusammenseins und des gemeinschaftlichen kreativen Arbeitens entwickelt haben. Der Prozess beginnt, sich zwischen Euphorie gegenüber dem Neuen und der Angst, das Alte aufgeben zu müssen, zu oszillieren.

Das Schöne an kollektiven Prozessen ist jedoch, dass Kompetenzen aufeinandertreffen, die Synergien kreieren können. „Oft ist es schwierig, sich das Neue vorzustellen: die Anordnung der Räume und ihre Gestaltung. Und plötzlich überwiegt das Festhalten am Alten und Gewohnten, in das viele Mitglieder jahrelange Arbeit gesteckt haben,“ teilt mir ein anderes Vereinsmitglied mit. „Doch wenn eine andere Person, die sich schon ein sehr genaues Bild machen kann, dieses mit der Gruppe teilt und die Vorzüge der Umbauten dadurch greifbarer macht, weichen oft die Zweifel.“ Was man zudem nicht ganz außen vorlasen darf, betonen manche Mitglieder, ist die durch die Pandemie hervorgerufene Unsicherheit und die distanzierte Kommunikation, die es erschweren, sich voll auf die bevorstehenden räumlichen Veränderungen einzulassen. Für besondere Anliegen ist eine Art „Denkmalschutz“ eingerichtet worden, der Räume in der alten Beschaffenheit bestehen lässt.

Bild: design.build/TU Wien

Hauptberufliche Tätigkeit trifft auf ehrenamtliche Arbeit

Manche haben das Gefühl, dass der Planungs- und bald schon startende Renovierungsprozess zu schnell geht und sprechen damit eine Schwierigkeit an, die ein Zusammenwirken von hauptberuflicher Tätigkeit mit ehrenamtlicher Arbeit bzw. zivilgesellschaftlicher Beteiligung hervorruft. Da das Projekt der TU Wien auf zwei Semester begrenzt ist, folgen die Studierenden als Architekt*innen der Häuser einem Tempo, das der ehrenamtlichen Arbeit der Vereinsmitglieder nicht entspricht. Partizipation braucht Zeit, da es auch bedeutet, auf die Bedürfnisse der einzelnen einzugehen und die Emotionen, die im Prozess entstehen, genauso ernst zu nehmen wie die Raumplanung selbst. Viele der Mitglieder sind bereits seit dem Raumdings- Prozess 2019 aktiv an der Ideenfindung räumlicher Zukunftsvisionen beteiligt, die 2020 die Planung eingeflossen sind und nun beginnen, Gestalt anzunehmen. Und doch ist es, wie so oft in Gruppengefügen, schwierig, ein Gleichgewicht zwischen lautereren und leiseren Stimmen zu finden und nicht bereits bestehende Ungleichheiten zu reproduzieren. Die meisten der Vereinsmitglieder sind sich darüber einig, dass die Fusion und der Renovierungsprozess sehr herausfordernd sind und doch herrscht bei den meisten eine optimistische Grundstimmung. Diese speist sich aus der Vorfreude auf einen Kulturbetrieb, nach dem sich viele schon lange sehnen:  mit dichten Fenstern und Dächern, mit einer richtigen Heizung, mit mehr Raum für künstlerisches und kollektives Schaffen und der Freiheit, sich endlich ganz auf das Wesentliche konzentrieren zu können, ohne immer wieder die auftretenden Löcher stopfen und provisorische Lösungen finden zu müssen.

Zukunftsvisionen

Der Entwicklungsprozess ergibt sich aus einer engen Zusammenarbeit zwischen den Studierenden (unter der Leitung der Architekten Peter Fattinger/TU Wien und Wolfgang Thanel) und den Vereinsmitgliedern, die das in Arbeitsgruppen entwickelte Feedback mit den angehenden Architekt*innen diskutieren. In regelmäßigen Treffen beginnt sich so ein sehr konkretes Bild der neuen Häuser zu formen, in denen sich die Zukunftsvisionen der Mitglieder manifestieren. Ganz im Geist der Entstehung des Vereins in den 1990er Jahren, soll der Musik in Form von Probe- und Veranstaltungsräumen wieder mehr Platz eingeräumt werden. Durch die Knappheit an trockenen und beheizbaren Räumen sind ganz allgemein die Kapazitäten für Ausstellungen, Veranstaltungen und Workshops auf den Sommer beschränkt und selbst dann, aufgrund provisorischer Lösungen, die Räume oft nur bedingt extern vermiet- oder nutzbar. All das soll die Renovierung ausgleichen. Geplant ist ein Ganzjahreskulturbetrieb, der Räume schafft, die für alle zugänglich sind. Das räumliche Angebot umfasst Ausstellungs- und Proberäume, Werkstätten, eine Community Kitchen und Bereiche für internationale Artist-in-Residence Programme. Der Blick ist dabei auch in Richtung 2024 gerichtet. Einem Jahr, in dem der Verein neben vier anderen Standorten eine wichtige Rolle in der kulturellen Infrastruktur des Landeskulturhauptstadt-Programms spielt. Ganz allgemein ist das Anliegen des Vereins, für die Bürger*innen St. Pöltens Räume zu schaffen, die die bereits bestehende Kulturszene der Stadt ergänzen und zudem wichtige zukunftsweisende Programme im Bereich der Kunst, Natur, Ökologie und Nachhaltigkeit realisieren.

Räume für den Nachwuchs und das Experiment

Der Verein LAMES ist aus der Musik heraus entstanden und wurde sehr bald zu einem interdisziplinären Ort der Künste und (Sub-)Kulturen, der offene Räume zum Experimentieren bietet. Durch die sich verschlechternde Beschaffenheit der Gebäude musste die Freiheit ihrer Nutzung in den letzten Jahren immer wieder eingeschränkt werden. Das Motto der Renovierung „Mehr Raum für Alle!“ meint neben der Errichtung unterschiedlicher Gemeinschaftsräume, von Community Kitchen, über Ausstellungsräume und Werkstätten ganz speziell auch die Schaffung von Proberäumen für lokale Musiker*innen, die die bestehenden kulturellen Einrichtungen St. Pöltens wertvoll ergänzen. So erstreckt sich nicht nur geographisch die Achse von der Musikschule entlang des Spratzerner Kirchenwegs in die Proberäume des Vereins, sondern auch künstlerisch hin zu einem experimentellen und selbstorganisierten Musizieren für Jugendliche und junge Erwachsene der Region St. Pölten, die auf der Hofbühne auch gleich die ersten Konzerte spielen und sich mit verschiedenen Generationen von Künstler*innen austauschen können. Was der Verein seit über 20 Jahren ist, ein Ort des Kollektiven, des Austauschs und der künstlerischen Freiheiten, manifestiert sich in den Plänen der Renovierung. Im April beginnen die Studierenden mit Unterstützung der Vereinsmitglieder mit den ersten Arbeiten. Wir können es kaum erwarten!


Fotos: Jasmina Dzanic, Ian Gladilin, Markus Weidmann-Krieger, Kaylie Dempsey

[1] Seit dem 1.1.2021 sind die beiden Vereine LAMES und Sonnenpark wieder vereint. Im neuen Verein verbinden sich die beiden Hauptstränge der (Sub-)Kultur und Kunst mit Ökologie, Natur und Nachhaltigkeit.

Beitrag verfasst von: LAMES/Verein für Kunst, Kultur und Natur am Spratzerner Kirchenweg 81 – 83

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